Die spielerische Entwicklung bis zur DDR-Bestenermittlung – Frauenfußball in der DDR
Bei seiner Ausdifferenzierung in den 1970er Jahren war der DDR-Frauenfußball stark von der Förderung durch Trägerbetriebe bestimmt. Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden die Zeit der spielerischen Entwicklung seit der Aufnahme in die Spielordnung des DFV der DDR 1971 bis zur Einberufung der DDR-Bestenermittlung 1979 rekonstruiert werden. Dies betrifft im Kern die Entwicklung des Spielbetriebs durch die einzelnen Akteurinnen, ihre Trainer und Wegbegleiter.

Interesse der Öffentlichkeit am Beispiel der beiden größten Sportzeitungen
Die Anzahl der Beiträge zum Frauenfußball in den einschlägigen Medien war zwischen 1971 bis 1979 gering. Es gab für diesen Zeitraum insgesamt 2 8 Beiträge im Deutschen Sportecho. Ähnlich wie in der FUWO enthielten diese meist nur kurze Hinweise zu den ballverliebten Damen. In der FUWO waren es im Vergleichszeitraum 30 Meldungen, obwohl zu diesem Zeitpunkt schon 266 Frauenteams in der DDR aktiv gewesen sein sollen. Trotz der seltenen Presseberichtserstattung ging der Aufschwung des Frauenfußballs nicht am DDR-Fernsehen vorbei. Seit April 1971 folgten in der Sendung Sport Aktuell immer wieder Berichte über die kickenden Frauen. Für die Zeit bis 1979 liegen im Deutschen Rundfunkarchiv sieben Kurzberichte vor. Die ersten Berichte – meist Einminüter – waren vorwiegend bewegte Bilder stummer Natur. In einem Kurzreport vom Betriebssportfest des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Adlershof gab es Ausschnitte zur 1971 eingeführten Ost-Berliner Meisterschaftsrunde zwischen den Mannschaften von Grün Weiß Baumschulenweg und Motor Stralau zu sehen.


Die Knäckebrotbäckerinnen aus Tangermünde, eine der ersten Frauenmannschaften, die vom DDR-Fernsehen gefilmt wurden.

Am 22. November 1971 folgte sogar der erste gesprochene Beitrag zum Spiel der Knäckebrotbäckerinnen aus Burg gegen die Damen aus Tangermünde. Die gezielte Recherche nach Frauen- oder Damenfußball-Nachrichten gestaltet sich jedoch wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen, der aus Texten zu den Fußballmännern besteht. Das Spieljahr 1972 hielt beispielsweise im Januar die Notiz bereit, dass der Ex-Nationalspieler Günter Wirth der Jahresabschlussfeier von der BSG Turbine Potsdam beigewohnt hatte, weil diese seit einem Jahr über eine Frauenmannschaft in der Sektion verfügte. Ferner meldete der Bezirk Halle einen Anstieg auf 16 Frauenmannschaften zur flächendeckenden Verbreitung dieser neuen Volkssportbewegung: Nach Berlin, Magdeburg und einigen weiteren Bezirken wird in Halle der Frauenfußball ebenfalls einen beträchtlichen Aufschwung nehmen.

Mittlerweile hatten sich die BFAs des DFV der DDR, die Frauenkonferenz und die Volkssportkommission die Aufgaben für die Organisation der Bezirkswettkämpfe aufgeteilt. Punktuell gab es auch Meldungen zu den aktuell Aktiven. So war zu lesen, dass beispielsweise in der Sektion des Bekleidungswerkes Burgen ab dem Frühjahr 1972 insgesamt 18 Frauen und Mädchen aktiv Fußball spielen wollten. Im Bezirk Cottbus hatten sich innerhalb der 254 Volkssportkollektive auch gegenwärtig zwölf Frauenfußballmannschaften registriert. Gemeinsam mit dem Bezirk Halle gab es dort in diesem Jahr bereits 28 Mannschaften.

Nur eine Woche später meldete ein Leserbrief, die allseits bekannte defizitäre Anzahl von Schiedsrichtern in der DDR habe im Kreis Merseburg durch vier Sportfreundinnen aus dem Buna-Frauenfußballkollektiv sogar verringert werden können. Generell konnte die Analyse der Berichterstattung in dieser Anfangszeit keine sensationslustigen Berichte zum Frauenfußball in den Bezirken Potsdam, Rostock oder Leipzig nach- weisen. Hinweise über die Ausrichtung eines ersten Pfingtsturniers bei den Gastgeberinnen der BSG Turbine Potsdam waren das Höchstmaß an erkennbarem Interesse. Wenn das Deutsche Sportecho über den Frauenfußball berichtete, hob es gern, wie im Oktober 1972, die geografische Distanz und das unterschiedliche Entwicklungsniveau der Fußballerinnen hervor. Im Bezirk Dresden spielten die Görlitzerinnen erst seit November 1971 Fußball, während man im Bezirk Gera schon einen Wettkampf in Form eines Pokalwettbewerbes einführte. Wichtig für die Berichterstattung war von Beginn an, dass die Fußballerinnen nicht nur spielen konnten und sollten, sondern ebenso tatkräftig ihre sozialistische Gesinnung im freiwilligen Arbeitseinsatz demonstrierten. Dies wurde zumindest in der FUWO am 28. November 1972 in einem Leserbrief beschrieben: Die Frauenfußballmannschaft der BSG Motor Bautzen wird im VEB Waggonbau einen freiwilligen Arbeitseinsatz durchführen. Sie will auf diese Weise mithelfen, einen Engpass im Produktionsablauf der Endreinigung zu überwinden. Der Erlös des Einsatzes soll auf das Konto X. Weltfestspiele beim Generalsekretariat des DFV der DDR überwiesen werden.

Mit sozialistischen Arbeitseinsätzen und ihrem sportlichen Engagement lagen die bis hierhin vorgestellten Frauenfußball-BSGs im Trend des Gemeinsamen Sportprogrammes von DTSB, FDJ und FDGB. Dieses sollte mit der Anordnung über die Wahrnehmung der Verantwortung der Betriebe und staatlichen Einrichtungen auf dem Gebiet von Körperkultur und Sport vom 30. November 1972 die Sportgemeinschaft an der Basis stärken. Wie bereits angemerkt, war dieses Sportprogramm keineswegs der Anlass für die Fußballfrauen gewesen, mit ihrem Sport zu beginnen. Allenfalls fanden sie in solchen Programmen, nachdem sie installiert worden waren, und in der Nische des Volkssports die Möglichkeiten, aktiv Fußball zu spielen. Die Verantwortlichen konnten dafür ihrerseits neue Mitglieder bzw. Teilnehmer melden. Die Fußballerinnen interessierten sich eher weniger für die programmatischen Vorgaben der verschiedenen Massensportprogramme. Sie wollten ihren Sport eigenaktiv und engagiert vorantreiben, wie die persönlichen Geschichten der Zeitzeuginnen zeigen. Daher war es trotz der scheinbar geringen zentralen Berichterstattung zum DDR-Frauenfußball 1972 als Erfolg zu werten, dass diese von der Basis sich entwickelnde Sportart – selbst im Olympiajahr und dem damit verbundenen deutsch-deutschen Duell bei den Sommerspielen in München – es mit zwei Meldungen ins Deutsche Sportecho schaffte und darüber hinaus mit kleineren Meldungen die FUWO bestückte.

Im Spieljahr 1973 bestritt die BSG Turbine Potsdam – von Beginn an eine der aufstrebenden Mannschaften – insgesamt 14 Spiele, u.a. mit internationalem Charakter. Sie reisten zu zwei Freundschaftsspielen ins tschechische Ostrava und empfingen die Tschechinnen im August zum Rückspiel in Potsdam. Außerdem nahmen sie am 2 Internationalen Turnier in Frankfurt (Oder) teil und richteten in Potsdam ebenfalls das zweite internationale Pfingstturnier aus. Der sportinteressierte Leser der DDR erfuhr aus dem Deutschen Sportecho allerdings nur, dass Turbine im Mai 1973 ein eigenes Frauenfußball-Turnier vor Empor Mitte Dresden und Wolfen gewonnen hatte und während der Freundschaftswoche Opole-Potsdam mit 6:2 gegen die polnischen Gegnerinnen siegreich gewesen war. Die FUWO hingegen berichtete lediglich Anfang des Jahres von einer Frauen-Fußballmannschaft in Neapel mit dem Titel Veccie Signora Napoli, die seit kurzer Zeit bestand. Ein Leserbrief von Helmut Wulst aus Oschersleben vermeldete, dass die Leipziger Frauen das Hallenturnier der BSG Empor Oschersleben gewonnen hatten.

Frauenfußball war aber stets ein Thema für die lokalen Medien in den einzelnen Bezirken und für die innerbetriebliche Presse. Auch wenn das DDR-Fernsehen 1973 in seinen Sendungen Sport Aktuell oder Sportreporter gar nicht über die Fußballfrauen informierte, schaffte es ein Frauenfußballteam in den Spielfilm Nicht Schummeln, Liebling! mit Frank Schöbel in der Hauptrolle ins DDR-Kino. Dass der Frauenfußball zu mindestens lokal und betrieblich schon frühzeitig registriert wurde, zeigt der Bericht des Delegationsleiters Erich Jungnickel von der BSG Turbine Potsdam. In der Betriebszeitung

Energie hieß es in der Überschrift Mit den Fußballfrauen von Turbine Potsdam ins Freundesland. Dies war in der noch jungen Karriere der Potsdamer Fußballerinnen kein unbedeutender Ausflug als Repräsentantinnen der DDR, als sie anlässlich eines politisch bedeutsamen Datums nach Ostrava reisten, wie der Bericht am Anfang festhielt: Am Ankunftstag in Ostrava, es war der 28. Jahrestag der Befreiung vom faschistischen Joch, wurde von unserer Delegation am sowjetischen Ehrenmal ein Blumengebinde niedergelegt und der tapferen Kämpfer gedacht. Nach der Ankunft in Novy Jicin wurden wir im Rathaus der Stadt vom Bürgermeister sowie vom Sekretär der KPC als Gäste aus der DDR auf das herzlichste begrüßt, und nach dem Austausch von Erinnerungsgeschenken ging es weiter zu Besichtigung der weltbekannten Hutfabrik TONAK.

Spielerisch gesehen erreichten die Potsdamerinnen auf ihrer sportlich-diplomatischen Reise gegen den Vierten der mährischen Liga ein Unentschieden und unterlagen dem Meister TJ Nova Hut Klementa Gottwalda Ostrava mit 1:3. Laut Jungnickel waren die Damen aus Ostrava im Durchschnitt fünf Jahre älter und aufgrund von internationalen Spielen gegen Dänemark und England weitaus erfahrener: Für unsere Mannschaft waren diese Spiele von großem Erfolg, und es wurden wertvolle Erfahrungen gesammelt, die für die weitere spielerische Entwicklung von großer Bedeutung sind. Diese Freundschaftsreise war auch ein kleiner Beitrag zur unmittelbaren Vorbereitung der X. Weltfestspiele und brachte neue Freundschaften.

Für die Turbinen bildete diese Reise einen ersten sportpolitischen Höhepunkt, auch wenn für die Spielerinnen das Politische nicht im Vordergrund stand. Sie waren froh, mit ihrem Hobby in ein anderes Land reisen und dort Fußball spielen zu können. Weil die Fahrt in die Anfangszeit des Frauenfußballs fiel und dieser als Sport II bzw. als Freizeit- und Erholungssport eigentlich keine internationale Aufgabe hatte, lag es außerdem nahe, dass eine detaillierte Berichterstattung nur in der Betriebszeitung stattfinden konnte.

Auch in den anderen Bezirken wie Halle, Leipzig, Rostock, Neubrandenburg oder Karl-Marx-Stadt wurde 1973 rege Frauenfußball gespielt und das mit ersten wettkampfähnlichen Strukturen. In Ost-Berlin beispielsweise existierte seit 1971 eine eingleisige. Bezirksliga, die ihre Ost-Berliner Meisterinnen suchte. So konnte sich in den ersten vier Jahren jeweils die Mannschaft der BSG EAB Lichtenberg 47 den Titel sichern. Die anderen Berliner BSGs kamen den Ost-Berliner Meisterinnen, betreut von Alfred Spanke, in den Anfängen spielerisch nicht nach: Die Berliner Frauen-Fußballmeisterschaft wurde jetzt abgeschlossen. Den Titel holte sich zum vierten Male EAB Lichtenberg 47 und eroberte zugleich den erstmals vergebenen Wanderpokal.

In der FUWO wurde diese Leistung hingegen nicht erwähnt. Und im Deutschen Sportecho fand sich die EAB Lichtenberg 47 – wie sie im eigenen Sprachgebrauch ohne die Bezeichnung BSG öfter genannt wurde – auch nur deswegen wieder, weil sie einen Leserbrief von der Berlinerin Heidrun Erben abdruckte. Diese berichtete stolz, dass die Lichtenbergerinnen seit dem 18. April 1971 99 Spiele mit einer Quote von 81 Siegen, elf Unentschieden und sieben Niederlagen bestritten hatten.

Der FUWO konnte man immerhin entnehmen, dass es ab Juli 1974 einen Frauenspielbetrieb auf Kreisklassenniveau in der DDR gab, der gemäß Beschluss des Kreisfachausschusses umgesetzt werden sollte. Ein Spiel dauerte zwei mal 30 Minuten und die Spielerinnen mussten mindestens 16 Jahre alt sein. Sie berichtete außerdem vom IV. Verbandstag des DFV der DDR, wo als Vertreterin von Turbine Potsdam Gisela Liedemann mit der Bitte zitiert wurde, dass in Zukunft den Frauen bei der Entfaltung der fußballerischen Ambitionen mehr Unterstützung zu Teil werden möge. Tatsächlich sollte dieses Ziel ab 1976 umgesetzt werden, wie Liedemann – berufen als Mitglied in der Kommission Freizeit- und Erholungssport des DFV der DDR – in ihren Neujahrswünschen verkündete: Dem Frauenfußball mehr Aufmerksamkeit! Auf der erweiterten Präsidiumstagung zum Ende des Jahres waren ähnliche Worte zu vernehmen. Ich meine, das ist gerechtfertigt, denn die Spielerinnen vollbringen zum Teil nicht nur Leistungen, sondern ihr Anliegen sich sportlich zu betätigen, ist grundsätzlich lobenswert. Ich hoffe, dass die BFA den Frauenfußball künftig nicht mehr nur so als eine Sache am Rande betrachten.

Ein Wunsch, der innerhalb des Deutschen Sportechos weitaus positiver dargestellt wurde, dessen Sportjournalisten registrierten, dass es im Bezirk Potsdam die überaus erfolgreiche Mannschaft der BSG Turbine gab. Sie hoben zudem die Einrichtung des hiesigen BFA-Pokals hervor, der einen Spielbetrieb auf Wettkampfniveau zusätzlich unterstützte.

Bereits ein Jahr nach der Gründung der BSG Turbine Potsdam gab es im Bezirk eine Bezirksliga, die aus den Mannschaften der BSG Stahl Brandenburg, Aufbau Rangsdorf, Empor Zossen und den Turbinen bestand. Zwar wurden dabei nur insgesamt fünf Spieltage mit Hin- und Rückspielen absolviert, aber es war der Beweis dafür, dass die Frauen sehr frühzeitig nicht nur spielen, sondern sich in ihrer Sportart auch unter Wettkampfbedingungen messen wollten.


Die Ost-Berliner Mannschaft der 1970er Jahre, die BSC EAB Lichtenberg 47. Hier 1973 mit ihrem jahrelangen Mannschaftsleiter Alfred Spanke. In der hinteren Reihe: Maja Bogs und Christine Spielberg (Erste und Zweite von rechts).

Was in diesem Zusammenhang den beiden großen DDR-Sportzeitungen entging, war die Berichterstattung über ein Freundschaftsspiel zwischen der BSG Turbine Potsdam und einer Berliner Auswahl, gespickt mit der ehemaligen Weltrekordlerin im Diskuswerfen Christine Spielberg. Im Mai 1974 wurde dieses Freundschaftsspiel im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark vor der Zieleinfahrt der 8. Etappe der Friedensfahrt ausgetragen. Auffallend war, dass trotz der Geringschätzung durch den DFV Frauenmannschaften als Pausenprogramm bei Etappenankünften wohl gern gesehen waren: In Anwesenheit von Horst Sindermann – Vorsitzender des Ministerrates der DDR und Rudi Hellmann – Sportbeauftragter des ZK der SED rollte ein sehr gutes und spannendes Spiel ab, das zahlreichen Beifall fand. Mit der Vergabe dieser Begegnung an unsere Mannschaft wurden nun zum wiederholten Male die beständig guten Leistungen und der beharrliche Trainingsfleiß unserer Fußballdamen von maßgebenden Stellen unserer sozialistischen Sportbewegung gewürdigt.

Für besagte Sportbewegung musste sich Gisela Liedemann im DFV aber weiterhin einsetzen. Einschätzung und Realität der Situation lagen dabei oftmals weit auseinander, zumindest bei den verantwortlichen Abteilungs- und Übungsleitern. Bemerkens-wert war, dass dem Frauenfußball weiterhin ein politischer Charakter zugeschrieben wurde. Zwei Jahre später war eine Ost-Berliner Auswahl – u. a. mit Spielerinnen der BSG EAB Lichtenberg 47 – bei einem Spiel im Rahmen des Pressefestes von Trybuna Ludu vor 60.000 Zuschauern Repräsentantinnen des DDR-Frauenfußballs in Warschau. Die Ost-Berlinerinnen gewannen das Spiel gegen Warschau mit 4:2. Wieder bildete eine Etappenankunft der Friedensfahrt den Rahmen für diese inzwischen vergessene Rekordkulisse des Frauenfußballs. Damit wurden die internationalen Sportbeziehungen von DDR-Fußballerinnen zu jenen in der CSSR und Polen fortgeschrieben, die bis zum Länderspiel 1990 andauern sollten. Auch für die sporthistorische Aufarbeitung ist es bedeutsam, dass es eine sogenannte nicht-besonders geförderte.