Persönliche Erinnerungen Frauenfußball in der DDR – Berlin und Rostock
Ähnlich wie Sabine Seidel war die Mehrzahl der befragten Zeitzeuginnen anfangs als Leichtathletinnen aktiv gewesen, manche waren sogar schon für die DDR bei Olympischen Spielen an den Start gegangen oder aber im Nachwuchsbereich Spartakiadesiegerinnen geworden. Christine Spielberg zum Beispiel hatte 1966 die Diskus- Europameisterschaften für die DDR gewonnen und 1968 mit einer Weite von 61,64 Metern den ersten DDR-Weltrekord überhaupt in einer Wurfdisziplin erzielt. Spielberg ging nach ihrer Leichtathletik- und Leistungssportkarriere Anfang der 1970er Jahre nach Berlin und spielte dort zunächst Handball beim TSC, bis sie über eine Freundin zur damals besten Ost-Berliner Mannschaft im Frauenfußball, der BSG EAB Lichtenberg 47, kam. Dort wurde sie binnen kurzer Zeit Spielertrainerin.

Trotz ihrer Erfahrungen aus dem viel stärker professionalisierten Leistungssport sieht Spielberg heute die Anfänge des Frauenfußballs in Lichtenberg – wenn auch mit Abstrichen hinsichtlich der spielerischen Fähigkeiten – äußerst positiv: Wir waren doch eigentlich eine gute Mannschaft. Wir waren die beste Mannschaft in Berlin. Berlin hatte acht bis zehn Mannschaften zu der Zeit. Das war also nicht so. Da waren auch ehemalige Sportler dabei und alles. Das war kein Problem.

Neben den Lichtenbergerinnen handelte es sich bei den Berliner Damenmannschaften um die BSG Grün Weiß Baumschulenweg, die SG Berolina Stralau, die BSG Einheit Treptow, die IHB Berlin, Motor Baumschulenweg, die TSG Schöneiche und Prenzlauer Berg, die sich allesamt im Jahr 1971 in Ost-Berlin gründeten. Eine der Gegnerinnen von Christine Spielberg, Margret Förster von der Ostseeküste – genauer gesagt von der BSG Empor Saßnitz -, erinnerte sich im Gespräch, dass die Damen der BSG EAB Lichtenberg 47 den Spielbetrieb von Beginn an dominierten: Lichtenberg waren glaube ich immer die Besten. EAB Lichtenberg und dann kam Grün Weiß Baumschulenweg.


Die erste DDR-Weltrekordlerin im Diskuswerfen Christine Spielberg war später auch bei der BSC EAB Lichtenberg 47 fußballerisch aktiv

Dass der Spaß und v. a. die Eigeninitiative diese Anfangszeit prägten, betonte Spielberg stellvertretend für andere Aktive der ersten Jahre in den Bezirken Berlin, Neu-brandenburg, Karl-Marx-Stadt, Rostock und natürlich Potsdam: Ach ja, das war alles so mehr, na Privat kann man nicht sagen, aber von Verrückten organisiert. Bei Grün Weiß war das einer, der das gemacht hat. Bei uns war es Alfred Spanke. Und da haben wir aber auch das Fahrgeld gekriegt. Wir haben Jerseys gekriegt. Schuhe hatten wir selber.

Maja Bogs begann zwar erst 1973, bei den Damen von Lichtenberg zu spielen, aber auch für sie war es damals entscheidend, dass der Spaß im Vordergrund stand und die sportlichen Aktivitäten auch noch nicht über die Bezirksgrenzen hinausgingen. Denn es wurde zwar der Ost-Berliner Meister ermittelt, aber andere Frauenfußballregionen in der DDR oder sogar im sozialistischen Ausland konnten die Ost-Berlinerinnen nur in Form von Freundschaftsspielen kennenlernen. Erst mit der Einführung der DDR- Bestenermittlung wollten die einzelnen BSGs unbedingt Berliner Meister werden, weil sie dann um den eigentlichen, wenngleich nur inoffiziellen DDR-Titel mitspielen
konnten. Mit diesem Schritt, so Bogs, hielten Ernsthaftigkeit und Leistungswille zunehmend Einzug bei den führenden Frauenfußballmannschaften.

In Saßnitz fiel der Startschuss für die kickenden Damen im Oktober 1970. Damals gründete sich – angegliedert an das VEB Fischkombinat Saßnitz-Rügen – eine der ersten Frauenfußballmannschaften der Region. In Rostock waren es drei Freundinnen, die aufgrund des spielerisch schlechten Auftretens der Männer von Hansa Rostock im Januar 1970 zum Bezirksfachausschuss Fußball gingen und verkündeten, eine Fußballmannschaft der Frauen ins Leben rufen zu wollen. Durch die Küstenlage waren allerdings weite Reisen notwendig, wollte man überhaupt Spielpartner finden. Immerhin bekamen die Saßnitzerinnen Unterstützung seitens der BSGs, sodass sie sich lediglich die Schuhe selbst kaufen mussten. Wenn Fahrten nach Schwerin oder nach Lichtenberg stattfanden, musste das Geld für die Übernachtung privat aufgebracht werden. Dafür konnten die Empor-Damen das Lehrlingsheim vom Fischwerk hinter ihrem Sportplatz in Dwasieden zum Umziehen und Duschen nutzen, obwohl die Fußballer von Lok Saßnitz ebenfalls dort trainierten. Für die Reisen zu den Spielen erhielten sie einen Bus oder, wenn dieser belegt war, einen LKW vom Fischkombinat: Da gab es Bänke, so wie heute die Biergartenbänke sind. Und dann hatten wir da hinten einen Kasten Bier und dann ging das los. Dann sind wir nach Neubrandenburg, oder nach Rostock. Na das war eine Gaudi.

Trotz dieser vergleichsweise guten Unterstützung und eines noch heute ersichtlichen hohen Spaßfaktors fiel die Einschätzung Försters zum Entwicklungsstatus des eigenen Sports an der Küste ambivalent aus. Die Wege von zu Hause oder der Schule zum Sportplatz mussten größtenteils zu Fuß zurückgelegt werden. Auch die Eigenfinanzierung der Übernachtungen bei den Auswärtsfahrten war für manche Spielerinnen, wie die Lehrlinge, deren Eltern nicht genügend Einkommen zur Verfügung hatten, ein Problem, sodass manchmal die Älteren das nötige Geld in Nachtschichten erarbeiteten: Da wir immer den Bus hatten, fehlte uns das Fahrgeld nicht, aber du brauchtest Übernachtung, du brauchtest Essen und Trinken und wenn Du dreimal im Monat weggefahren bist von Freitag bis Sonntag, ja, wenn das auch in der DDR nicht so teuer war, aber dafür musste auch Geld da sein. Und das konntest du nicht andauernd leisten. Wir Erwachsenen sind dann ins Fischwerk gegangen und haben gearbeitet, dann und wann mal. Haben die Nacht, ich weiß nicht, 40 oder 50 Mark verdient, und das haben wir dann in unsere Kasse gepackt, damit wir für unsere Schüler und Lehrlinge das Essen und Trinken mitbezahlen konnten. Damit die ja mitfahren konnten, weil wir die zum Spielen wieder brauchten.

Frühe Berichterstattung zum DDR-Frauenfußball: Hier das Duell der BSC Empor Saßnitz gegen die BSC EAB Lichtenberg 47, September 1971.

Das Gemeinschaftsgefühl unter den Frauen, aber auch das nicht gerade geringe Interesse anderer an ihrem Sport waren allgegenwärtig. Die Mitarbeiter aus dem Fischkombinat saßen zahlreich an der Seitenlinie, wenn es wieder einmal in einem Freundschaftspiel gegen die BSG Post Rostock oder gegen die Berlinerinnen ging. Die Spielerinnen selbst sorgten mithilfe ihrer Betriebszeitschrift Der Fischfang dafür, dass die Mitarbeiter davon wussten, wann, wo und wie gespielt wurde. So war zu erfahren, dass im Januar 1972 erstmalig die Bezirksmeisterschaften in der Halle ausgetragen wurden, die die erste Damenmannschaft von der BSG Empor-Saßnitz in Rostock-Marienehe für sich entschied. Der Fischfang berichtete ferner von zwei Freundschaftsvergleichen gegen die Damen von Lok Altenburg. Während die überregionale Sportpresse diese Aktitvitäten übersah, übernahm die Betriebspresse ihre Chronistenpflicht offensichtlich gern. Das zweite der beiden Freundschaftsspiele wurde vor dem Aufstiegsspiel in die DDR-Oberliga der Männer – zwischen Vorwärts Stralsund und Energie Cottbus – ausgetragen: „Erstmalig Damenfußball in Stralsund“, so stand es in der Presse, in Programmen und auf Plakaten. Gemeint war das Damenfußballspiel zwischen Empor Saßnitz und Lok Altenburg, das am 3. Juni als Vorspiel zum Aufstiegsspiel zur Fußballoberliga Vorwärts Stralsund-Energie Cottbus im Stralsunder „Stadion der Freundschaft stattfand. Mit viel Beifall wurden beide Mannschaften beim Betreten des gut gepflegten Rasens begrüßt und was dann in 2 mal 30 Minuten folgte, das war Tempofußball gewürzt mit spannenden und dramatischen Szenen.

Den größten Anteil daran hatten zweifelsohne unsere Saßnitzer Damen, die ihren Gegner förmlich an die Wand spielten. Alle Skeptiker, die bis dahin noch glaubten Damenfußball sei Volksbelustigung, wurden eines besseren belehrt. Welchen Anklang dieses Spiel beim Stralsunder Publikum und bei den Funktionären des Kreisvorstandes des DTSB in Stralsund fand, zeigte die Tatsache, dass in der Halbzeitpause des Aufstiegsspieles zur Fußballoberliga der Stadionsprecher alle am Damenfußball interessierten Stralsunder Frauen und Mädchen aufrief, sich beim DTSB Kreisvorstand zu melden, um in Stralsund ebenfalls mit dem Aufbau einer Damenfußballmannschaft zu beginnen.

Dieser geradezu überschwängliche Artikel mit der Überschrift Eine echte Werbung für den Damenfußball zeigte deutlich, dass in diesem Fall an der Ostseeküste Frauen es schafften, ihren Fußballsport erfolgreich – wenn auch vorerst noch in Form von Freundschaftsspielen – an den Mann zu bringen. Die Frage, warum die Frauenfußballbewegung in der DDR zwischen 1968 und 1974 eine derartige Initialzündung erlebte, kann nicht endgültig beantwortet werden. Ob es eine Fernwirkung der westdeutschen 1968er Bewegung war, bleibt Spekulation. Die ersten Beispiele von Spielerinnen aus der DDR zeigen allerdings, dass sie sich mehr oder minder unpolitisch zeigten. Sie ergriffen zu diesem Zeitpunkt vielmehr die sportliche Initiative, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen.