Sportpolitische Grundlagen des Frauenfußballs in Ost- und Westdeutschland
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung beider deutscher Staaten wurden zwangsläufig zwei verschiedene sportpolitische Ausgangslagen für den Frauenfußball in Deutschland geschaffen. Während die am 23. Mai 1949 gegründete Bundesrepublik sich ab Mitte der 1950er Jahre erneut mit der Frauenfußballbewegung auseinandersetzen musste, dauerte es in der am 7. Oktober 1949 ausgerufenen Deutschen Demokratischen Republik bis I960, ehe die Frauen sichtbar Fußball spielten.

Der bundesdeutsche Sport vertrat nach 1945 die Auffassung, ein vom Staat unabhängiger Teilbereich der Gesellschaft zu sein. Damit wollte man die Lehren aus der machtpolitischen Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus ziehen. Zum anderen wollte der sich als unpolitisch verstehende bundesrepublikanische Sport sich gezielt vom Sportsystem der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) abgrenzen, das sich dem Willen der SED untergeordnet hatte. In der Bundesrepublik behauptete somit das bürgerliche Vereinswesen für den Sport eine autonome Position in der Gesellschaft. Er sollte frei von staatlicher Lenkung und parteipolitischer Bindung sein.

Für die DDR hatte Erich Honecker bereits mit der Gründung des Deutschen Sportausschusses im Oktober 1948 die Maxime ausgegeben, dass der Sport nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Erfüllung politischer Ziele sei. Unter Federführung der SED wurde dem ostdeutschen Sport unmittelbar nach der Gründung der DDR ein sowjetisches Staatssportmodell oktroyiert. Er sollte vollständig politisch vereinnahmt werden. Aus diesem Grund arbeitete man von Beginn an auf die Repräsentation ostdeutscher Eigenstaatlichkeit in den Sportstadien der Welt hin. Uta Andrea Balbier spricht ferner von einem Anerkennungskampf der DDR, den sie durch eine Demonstration von Leistungsstärke in den 1960er Jahre für sich entscheiden konnte: Die DDR-Sportbewegung machte dabei keinen Hehl daraus, dass sportliche Leistung aus ihrer Sicht kein politisches Neutrum war, das sich aus Zehntel-, Hundertstel- und Tausendstelsekunden zusammensetzte. Vielmehr galt sportliche Leistung als Konsequenz der sozialistischen Planung und Produkt der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse. Die Ostberliner Parteilinie bewertet sportliches Leistungsstreben als fortschrittlich und erstrebenswert.

Durch die sportliche Überlegenheit der DDR im Leistungssport musste die Bundesrepublik zwangsläufig reagieren und gab ihre etablierte Einteilung zwischen Staat und Sport Mitte der 1950er Jahre auf: Denn nun entwickelten sich die sportlichen Erfolge der DDR-Athleten für die westdeutsche Gesellschaft, ihre politische Führung und die journalistischen Meinungsmacher zu einer Reihe immer wiederkehrender Sputnik- Schocks Daher setzte sich auch in der Bundesrepublik die Überzeugung durch, dass es sich beim sportlichen Wettkampf um eine Teilkonkurrenz der übergeordneten Systemauseinandersetzung handele.

Im Bild dieser System- und sportpolitischen Auseinandersetzungen stellte der Männerfußball eine Ausnahme dar. Während es den Westdeutschen 1954 gelang, den Weltmeistertitel zu erobern – der allerdings die Bürger beider deutscher Staaten als Deutsche hatte fühlen lassen -, musste die ostdeutsche Nationalmannschaft bis 1955 warten, ehe sie ihr erstes Länderspiel gewann.

In der DDR dominierte anschließend der Versuch, auch Fußball und Politik zu verbinden: Bei deutsch-deutschen Fußballspielen in der DDR wurden politischen Parolen zu einem ständigen Begleiter der Wettkämpfe. Der Deutsche Fußball-Verband der DDR hatte die politische Erziehungsarbeit des Sports bereits in seiner Gründungentschließung ins Auge gefasst

Der 1960 aufkommende DDR-Frauenfußball sah sich mit einem in der Bevölkerung fest verankerten – wenngleich nicht so erfolgreichen – Männerfußball konfrontiert. Die DDR-Fußballer verfügten damals über eine große Unterstützung in der Öffentlichkeit und erhielten nicht zuletzt durch das Verbandsorgan Die neue Fußballwoche eine hohe mediale Aufmerksamkeit. In der Sportgeschichtsforschung wurde darüber hinaus infolge der besonderen Behandlung des BFC Dynamo Berlin durch den Chef des Ministeriums für Staatssicherheit Erich Mielke dem DDR-Männerfußball eine Sonderrolle attestiert.

Der DDR-Frauenfußball gliederte sich während der gesamten Zeit seines Bestehens dem Freizeit- und Erholungssport (FES) an. Als 1969 ein konzentrierter Leistungssportbeschluss mit einer Unterteilung in weniger und besonders geförderte Sportarten eingeführt wurde, gehörte der Männerfußball zum Leistungssport, jener der Frauen nicht. Die politische und sportliche Zielstellung des Beschlusses von 1969 war die Platzierung der DDR-Mannschaft vor der Bundesrepublik bei den Olympischen Sommer und Winterspielen 1972. Daher waren folgende Sportarten vorrangig zu fördern: Boxen, Fechten, Fußball, Gewichtheben, Hallenhandball Männer, Judo, Kanu-Rennsport, Leichtathletik, Pferdesport (Dressur und Militär), Radsport, Ringen, Rudern, Schießen,

Schwimmen, Wasserspringen, Segeln, Turnen und Volleyball, und Biathlon, Eissportdisziplinen, Schlittensport und Skisport (Nordische Kombination).
Damit wurde unbewusst eine Nische zwischen dem FES und Sport II – u. a. für die Fußballerinnen – geschaffen. Die Frauen entwickelten in diesem Freiraum nach und nach ihren eigenen Übungs- und Trainings-, und Wettkampfbetrieb. Dies bedeutete in der Regel, dass sich die Fußballerinnen den Betriebssportgemeinschaften anschlossen. Es konnte aber auch sein, dass sie auf dem Land in einer Sportgemeinschaft spielten. Im Regelfall sahen die Fußballerinnen so ihre neue Sportart in ihrem Arbeitsumfeld eingebettet.

Generell stand an der Spitze des DDR-Sports der Deutsche Turn- und Sportbund. Er plante, koordinierte und verwaltete die Sportaktivitäten der Bevölkerung in monopolartiger Stellung und in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung Sport des Zentralkomitees der SED. Der FES besaß im DDR-Sportsystem offiziell eine hohe Bedeutung. Dennoch stand er in der Realität oft im Schatten des Spitzensports. In der Zeit der Anfänge des Frauenfußballs in der DDR konnten die Verantwortlichen sich bequem an die Programmatik des DTSB ankoppeln: Die stärkere Hinwendung des DTSB auf die zielstrebige Entwicklung der Sportarten, besonders die olympischen Disziplinen, darf man natürlich nicht nur als eine nach innen gerichtete, vom Standpunkt des Nachwuchses und Leistungssportes notwendige Orientierung auffassen. Es entspricht voll und ganz der Rolle des DTSB im System der sozialistischen Körperkultur, dass er für den Freizeit- und Erholungssport eine hohe Mitverantwortung trägt. Unter der Verantwortung aller Träger der Entwicklung von Körperkultur und Sport sind mit Hilfe des DTSB die bewährten Formen und Methoden weiter zu vervollkommnen und auszubauen. Die Entwicklung eines den Forderungen entsprechenden, interessanten Wettkampfsystems und die Erhöhung der Anzahl der Sportgemeinschaften und ihrer Sektionen, zählt zu den vorrangigen Aufgaben des DTSB.

Wie Entsprechendes letztlich auch den Fußballerinnen in der DDR gelang und welche Dynamik die Entwicklung ihres Sportes seit 1960 im bundesrepublikanischen Vergleich besaß, dokumentiert die folgende Analyse des deutsch-deutschen Frauenfußballs vom Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung.