Übergang in DFB-Strukturen 1989-90 – Transformationsphase des Ostfrauenfußballs
Die Zeit zwischen dem 9. November 1989 und der Vereinigung der beiden deutschen Fußballverbände am 21. November 1990 bedeutete für den Frauenfußball eine ganz eigene Geschichte der Zusammenführung, die bis heute in ihrer Tiefe noch nicht dargestellt wurde. Beide Verbände sahen sich im November 1989 vor die Aufgabe gestellt, ihre Perspektiven und Aktivitäten zum Frauenfußball einander anzugleichen. Die große Herausforderung bestand für die Bundesrepublik darin, das unbekannte Feld des DDR-Frauenfußballs kennenzulernen und in seine eigenen Entwicklungen einzubinden. Es trafen somit nicht nur zwei unterschiedliche politische Systeme aufeinander, sondern zudem zwei Frauenfußballsysteme, die sportlich und strukturell verschiedene Stärken besaßen. Für Hannelore Ratzeburg, Wegbereiterin des westdeutschen Damenfußballs, hatte Frauenfußball in der DDR zu ihrer aktiven Zeit schlicht nicht existiert. Erst mit dem Gewinn des Europameistertitels 1989 dachte sie erstmals an den Spielbetrieb auf der anderen Seite der Mauer: Also es war einfach ein anderes System, es war ein anderer Staat, der sich abgekapselt hatte. Der einfach auch eigentlich keine echten Kontakte wollte. Und auf sportlicher Ebene war es offensichtlich so, dass Frauenfußball zu dem Zeitpunkt noch nicht olympisch war. Da gab es noch nicht die Chance, dass man olympische Medaillen gewann, und ich glaube nicht, dass man in der DDR den Eindruck hatte, dass Frauenfußball zum Prestige des Staates beitragen könnte, durch Medaillengewinne oder Meisterschaftsgewinne.

Die Funktionärinnen des DDR-Frauenfußballs wiederum gingen auf der Basis einer fast 20-jährigen Spielpraxis und zahlreichen internationalen Begegnungen im Ostblock organisatorisch nicht unerfahren in die Verhandlungen mit dem DFB, die nach dem 9. November 1989 langsam einsetzten: Ich weiß nicht, ob es ’89 oder ’90 war. Ich war dann sehr schnell in Berlin bei Hannelore Kloninger und dann haben wir uns mit Margit Stoppa, die ja in Berlin wohnte, getroffen. Und da haben wir so die ersten Kontakte aufgenommen und haben DDR-Wein getrunken, Saale-Unstrut, fand ich ganz toll und auch ganz wichtig. Hatte irgendwie was Symbolisches. Da haben wir überlegt, was wir schnellstmöglich machen können.

Der DFB gründete noch im selben Jahr den Ausschuss für Frauenfußball. Als Sprecherin für die DDR wurde Margit Stoppa gewählt, die neben Seidel die Ansprechpartnerin für den Frauenfußball in den neuen Bundesländern war. Lange Zeit übernahm sie auch die Position der Stellvertreterin von Hannelore Ratzeburg beim DFB. Nur wenige offizielle Zeugnisse dokumentieren den Weg des DDR-Frauenfußballs in dieser Zeit. Auf DDR-Seite wurde der Spielbetrieb trotz der Umbrüche aufrechterhalten. Die Öffnung der Grenzen hatte allenfalls einzelne Spielausfälle zur Folge, wie Sabine Seidel als Staffelbeauftragte der Oberliga Nord im Winter 1989 erleben musste. Eine Spielabsage vom Dezember zeugte dabei zugleich vom Grad der Umweltverschmutzung in der DDR: Das Punktspiel Nr. 14 – BSG Rot. Leipzig Ost gegen Robotron Leipzig musste am 3.12.1989 auf Grund der Smogwarnstufe in Leipzig ausfallen.

Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, dass man ab der Saison 1990/91 eine Meisterschaft spielen würde, die von der am 5. Mai 1990 noch zu berufenden Kommission Damenfußball bestätigt werden sollte. Mit der bevorstehenden Meisterschaft im Frauenfußball ging erstmalig auch die Einführung von Leistungsklassen bzw. ein Ligaspielbetrieb einher. Ab dem Spieljahr 1990/91 sollte es eine Frauenliga, Bezirks und Kreisliga auf dem Großfeld sowie einen Nachwuchsspielbetrieb für die Mädchen der Altersklasse 16 geben. Demnach konnte den DDR-Frauenfußballverantwortlichen nicht vorgeworfen werden, dass sie sich nicht mit einer gezielten Strukturierung beschäftigten. Allerdings setzte diese knapp 15 Jahre nach den entsprechenden Initiativen in der Bundesrepublik ein. Noch immer gingen die DFV-Verantwortlichen für den Frauenfußball und darüber hinaus von einem Fortbestehen des eigenen Verbandes aus. Derweil schlossen sich in der DDR auch viele Leistungssportler und Trainer den Protesten an. Im Februar 1990 demonstrierten sie zum Beispiel mit dem Ost-Berliner DTSB für die Verabschiedung eines Sportgesetzes und für Sofortmaßnahmen zur Rettung des finanziell angeschlagenen Sports. Auch in Potsdam demonstrierten 3.000 Sportlerinnen. Alsbald kam es vielerorts in der DDR zur Auflösung von BSGs oder aber man war durch die neuen politischen Entwicklungen am weiteren Spielbetrieb verhindert: Sehr geehrte Sportfreundin Seidel, hiermit möchten wir uns für das Nichtantreten zum Punktspiel bei Turbine Potsdam entschuldigen. Auf Grund der Volkskammerwahl sowie durch einige Verletzungen waren zum Treffpunkt der Mannschaft am 18.3.1990 nur 7 Sportfreundinnen erschienen, damit war eine Anreise nach Potsdam nicht möglich.

Die Volkskammerwahl der DDR am 18. März 1990 brachte nicht nur erstmalig eine demokratisch-legitimierte DDR-Regierung ins Amt, sondern bestimmte auch die zukünftigen Rahmenbedingungen für eine schnelle Wiedervereinigung im deutschen Sport. Der DDR-Sport sollte die Grundzüge des bundesdeutschen Sports adaptieren – wie die Regelung der Basis über die Vereine und dem Streben nach den Grundprinzipien des Ehrenamtes sowie des Föderalismus: Der Wandel betraf alle Ebenen: Allerorten gründeten sich Vereine, logistisch unterstützt durch Verbände aus dem Westen. Dies war möglich durch das am 21.2.1990 verabschiedete Vereinigungsgesetz der DDR, nach dessen Inkrafttreten sich binnen weniger Wochen Tausende neuer Vereinigungen anmeldeten, darunter auch Sportvereine.

Dennoch bedeutete es für die Aktiven der DDR-Sportlandschaff eine enorme Aufgabe, mit den ihnen weitgehend unbekannten Mechanismen der freien Marktwirtschaft zurechtzukommen. Bis zur Vereinigung des deutschen Sports gingen viele ostdeutsche Unternehmen unter, was zwangläufig das Ende der anhängenden Betriebssportgemeinschaften zur Folge hatte. Vor diesem Problem stand zum Beispiel auch die erfolgreichste BSG, Turbine Potsdam. Trainer Bernd Schröder blieb damals beim Energieunternehmen angestellt und konnte seine engen Kontakte zur Wirtschaft aufrechterhalten. Diese halfen ihm und Turbine, die schwierige Zeit bis zu den ersten Erfolgen Mitte der 1990er Jahren zu überstehen: Ich habe zu DDR-Zeiten und dann auch später den Rahmen der Möglichkeiten der mir zur Verfügung stehenden Logistik meiner dienstlichen Umgebung genutzt, um auch den sportlichen Anforderungen gerecht zu werden. Dazu gehörte gewissermaßen auch eine partielle Nutzung meines Büros als Sportbüro, über die Dienstzeit hinaus. Viele Unternehmen, die schon zu DDR-Zeiten Partner waren wie z. B. Kohlelieferanten für unsere Kraftwerke, waren alle durch ihre praktizierte langfristige Zuverlässigkeit für mich immer auch ein Kriterium der Fürsprache für weiterführende Verträge nicht zuletzt auch im Wissen für ein folgendes Sponsoring für meinen Verein. Das Entscheidende auch bei der Beauftragung von Dienstleistungsunternehmen war immer die Betrachtung des Gemeinnutzes. Schließlich war das gerade in den ersten Jahren nach der Wende eine Art Überlebensgarantie meines Vereins. Später half uns der gerettete Vereinsname TURBINE wieder zu einem klaren Bekenntnis meines ehemaligen Energieunternehmens für ein wichtiges Sponsoring.

Während beim DFB Anfang 1990 die Richtlinien zur technischen Qualifikation der Vereine zur Damen-Bundesliga für das Jahr Spieljahr 1990/91 erarbeitet wurden, stand das vom Systemumbruch geprägte Frühjahr des Frauenfußballs im DFV u.a. im Zeichen des bevorstehenden ersten Länderspiels der Damen-Nationalmannschaft.

März bis Mai 1990
Der DFV der DDR wählte am 31. März 1990 beim ersten demokratisch legitimierten Verbandstag in Straußberg den reformwilligen Präsidenten Hans-Georg Moldenhauer. Der neue Präsident plädierte für eine schnellstmögliche Vereinigung mit dem bundesrepublikanischen DFB und räumte dabei auch dem Frauenfußball den gebührenden Platz ein: Margit Stoppa beschäftigte sich im abschließenden Beitrag des Tages mit den Belangen des Damenfußballs, der durch die zukünftige Durchführung einer DDR- Meisterschaft und die Bildung einer Nationalmannschaft aus seiner bisherigen Nichtexistenz befreit werden sollte.

Allein schon die Namensgebung der Kommission Damenfußball zeigte im Endstadium des DDR-Frauenfußballs – wie er über 23 Jahre genannt wurde – den bundesrepublikanischen Einfluss. Die Kommission begleitete in zahlreichen Sitzungen bis zum 21. November 1990 die Geschicke des DDR-Frauenfußballs bei der Zusammenlegung beider Frauenfußballgebiete. Aus sportlicher Sicht am spannendsten waren die Monate April bis Juni. Während in West-Berlin die Ost-Berliner Teams mit einer nicht geahnten Spielstärke überraschten, wurden bis zum 30. April mit Tennis Borussia oder dem 1. FC Neukölln die West-Berliner Mannschaften für die zweigleisige Bundesliea ermittelt. Am 9. Mai 1990 folgte das erste offizielle Länderspiel der DDR-Fußballerinnen gegen die CSFR. Zehn Tage nach dem verloren gegangenen ersten Länderspiel tagten erstmalig beide deutschen Fußballverbände am Rande des ÖFB-Pokalfinales in Berlin. Bereits am 19. April 1990 hatten Hermann Neuberger und Hans-Georg Moldenhauer beim UEFA-Kongress in Malta erste DFB-Hilfen für den DDR-Fußball vereinbart. Dabei wurde auch die Ausrichtung eines ersten grenzübergreifenden gesamtdeutschen Länderpokals im Damen- und Herrenbereich für den Herbst 1990 besprochen.

Parallel zu diesen Entwicklungen ging die Saison 1989/90 der DDR-Bestenermittlung am 30. Juni 1990 mit den Siegerinnen von der BSG Post Rostock zu Ende. Die Rostockerinnen hatten sich in beiden Finalspielen mit 6:1 und 4:2 gegen die BSG Wismut Karl-Marx-Stadt durchgesetzt.

Zwischenzeitlich hatten bereits alle spielberechtigten BSGs der Staffelleiterin Sabine Seidel ihre Teilnahme an der ersten Meisterschaft bestätigt. Am 31. Mai 1990 kam es mit der Vorlage der Konzeption zur Entwicklung des Damen- und Mädchenfußballs in der DDR zum richtungweisenden Schritt für die Einführung der Meisterschaft. Die Rahmenrichtlinie für den Frauenfußball der DDR gültig ab dem Spieljahr 1988/89 wurde aufgehoben. Ab sofort galt folgende Zielstellung: Die zielstrebige Entwicklung des Mädchen- und Damenfußballs ist ein Grundanliegen von der Basis bis zur Leitung des DFV. Ziel ist es, durch eine breite territoriale Entfaltung des Mädchen- und Damenfußballs auf dem Klein- und Großfeld eine leistungsfähige und stabile Oberliga und Nationalmannschaft heranzubilden sowie einen erweiterten Spielbetrieb in den künftigen Landesverbänden zu fördern. Der Damenfußball ist Amateursport und wird auf der Grundlage der Satzung und Spielordnung des DFV organisiert und durchgeführt.

Entscheidend an dieser Vorlage war der Finanzplan, der für 1990 ein Budget von 9.500,- M vorsah. Dabei wurde schon damals die D-Mark als Währungseinheit mit angegeben, obwohl die Währungsunion noch bevorstand. Die Auswahltrainer sollten monatlich 240,- M als Unterstützung erhalten. Generell standen der Kommission Damenfußball für Reisekosten, Schreibgebühren, Porto und PKW-Fonds 4.600,- M zur Verfügung. Ob dieses Geld tatsächlich verwendet werden konnte, ist nicht zu belegen. Dabei ist bemerkenswert, dass der DDR-Frauenfußball inmitten der Einigungsprozesse eigenständig plante, obwohl in der Konzeption gleichzeitig eine ehrenamtliche Kommission nach westdeutschem Vorbild vorgesehen war, die zukünftig den Landesverbänden zuarbeiten sollte.

Dem interessierten Fußballfan wurden diese Entwicklungen beim zweiten DFV- Pokalendspiel am 23. Juni 1990 in Brieske, Senftenberg als Verbandsinformation im Programmheft offiziell mitgeteilt.

Juni bis August 1990
Parallel zum Männerfußball wurden auch für den Frauenfußball die Patenschaftsverträge mit den Landesverbänden des DFB umgesetzt. Diese sicherten den neu gegründeten Landesverbänden finanzielle und materielle Unterstützung zu: Bayern und Württemberg für Sachsen, Hessen für Thüringen, Niedersachsen für Sachsen-Anhalt, Hamburg und Schleswig Holstein für Mecklenburg sowie West-Berlin für Ostberlin und Brandenburg.

Von diesen Neu-Anfängen berichtete auch Werner Lenz von der BSG NGMB Neubrandenburg, der jahrelang erfolgreich das Neubrandenburger Hallenfußballturnier organisiert hatte. Lenz, der als Staffelleiter der Pokalspiele in der Kommission Damenfußball beim DFV der DDR saß, nahm im Juni 1990 als erster Vertreter des DDR-Frauenfußballs an einer Sitzung beim DFB in Frankfurt am Main teil. Seine erste Dienstreise nach Westdeutschland im Auftrag des DDR-Frauenfußballs entbehrt – seinen Erinnerungen folgend – nicht einer gewissen Komik: Da ist Klaus Petersdorf mit mir nach Tegel gefahren und hat mir 15,- DM gegeben. Das Ticket hatte der Deutsche Fußball-Bund in Tegel beim Service hinterlegt. Dann hieß es, ich solle mir einen Kicker kaufen als Kennzeichen und den sollte ich dann am Flughafen in Frankfurt rausholen und zeigen und die würden wissen, wer ich sei. Der kostete damals 4,10 DM. Da war ich praktisch schon vier von den 15,- DM los. Das war die Flugstrecke Euroberlin nach Frankfurt. Die durften ja anders nicht fliegen.

In Frankfurt angekommen, traf Lenz zunächst auf keinen DFB-Verantwortlichen. Von seinen verbliebenen 11,- DM nahm er sich ein Taxi zur DFB-Zentrale, wo man ihn ein wenig überrascht empfing, weil die Sekretärin die Information bekommen hatte, dass er nicht kommen würde. Der damalige Abteilungsleiter Frauenfußball Willy Hink nahm Lenz herzlich auf: Willy Hink hat mir alles gezeigt. Dann kamen der Generalsekretär Dr. Gerlach und auch Hannelore Ratzeburg. Da haben wir uns das erste Mal kennengelernt. Sie zeigte mir die 30 Tagesordnungspunkte und den runden Tisch, wo man saß und verhandelte. Damals gehörte sie noch zum Spielausschuss. Ich konnte an der Sitzung teilnehmen und bin dann allen vorgestellt worden. Und unter Punkt 17 hatte ich die Gelegenheit, was zu sagen. Reden konnte ich immer schon gut und habe über den Frauenfußball in der DDR gesprochen. Auf jeden Fall klopften die alle mit den Fäusten auf den Tisch.

Auf der Rückreise musste der Fußballfunktionär aus Neubrandenburg noch mehrere Stunden auf seinen Flug warten, sodass ihm der DFB-Generalsekretär höchstpersönlich Frankfurt am Main zeigte: Ich bin mit 15,- DM hingekommen und am Ende mit 231,- DM zurückgeflogen.

Neben der persönlichen Annäherung zwischen Ost- und Westfunktionären im Frauenfußball versuchte die Kommission Damenfußball unter Leitung von Margit Stoppa schon frühzeitig, die Kriterien des DFB für die bevorstehende Oberliga- bzw. Meisterschaftssaison umzusetzen. Beispielsweise wurde in einer Sitzung vom 28. Juni 1990 den anwesenden Oberligatrainern mitgeteilt, dass sie zukünftig eine A-Lizenz erhalten sollten. In Hinblick auf die Qualifikationskontrolle ist dies heute durchaus kritisch zu betrachten, zumal im Bereich des Leistungssports zahlreiche Konflikte um die Anerkennung von Lizenzen und Diplomen entbrannten. Alle DDR-Trainer, die ihre Lizenz an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport in Leipzig erworben hatten, sollten automatisch nur eine B-Lizenz erhalten. Dagegen wirkte der Weg der Kommission Damenfußball für die Fußballtrainer eher barrierefrei: Die dafür notwendigen Qualifikationsmöglichkeiten werden durch die Kommission Damenfußball an die Oberligatrainer verschickt. Ab 1. Juli ist eine Beantragung der Trainerlizenz möglich auf der Grundlage „alter“ Übungsleiterausweise.

Während sich in der Zwischenzeit, wie zum Beispiel in Brandenburg am 28. Juli 1990, neue Fußball-Landesverbände gründeten, traf sich die Kommission Damenfußball noch immer unter der Flagge des DFV der DDR. In einem Sitzungsprotokoll vom 25. August 1990 wurde nicht nur der erste Wechsel einer West-Berliner Spielerin zur SG Turbine Potsdam verkündet. Dem Protokoll war außerdem zu entnehmen, dass von DDR-Seite angestrebt wurde, ab dem Spieljahr 1991/92 zwei bis vier Teams in die zweigleisige Bundesliga zu integrieren. Außerdem wurde der Termin für die nächste Zusammenkunft mit den DFB-Verantwortlichen diskutiert sowie darauf hingewiesen, dass Werner Lenz immer noch in Verhandlungen mit dem DFB-Funktionär Schmidt zum Vorspiel der Damenauswahl am 21. November 1990 beim Männer-Vergleich stehe. Das Spiel der Männernationalmannschaften wurde jedoch zwei Wochen vor der Fußballeinheit infolge eines tödlichen Zwischenfalls bei Hooligan-Unruhen in Leipzig abgesagt, sodass auch das Frauenspiel ausfiel.

Nur einen Tag später wurde die Diskussionsgrundlage für das Gespräch mit den DFB-Vertretern über die Gestaltung des Spielbetriebs bei der bevorstehenden Vereinigung des deutsch-deutschen Frauenfußballs besprochen. Die Kommission des DFV hatte sich zwei Varianten überlegt: Der erste Vorschlag besagte, dass die Oberliga der Damen, die fortan ausgespielt wurde, ab dem Spieljahr 1991/92 als dritte Bundesligastaffel eingeführt werden sollte. Für die teilnehmenden Mannschaften sollte in diesem Fall eine Übergangsregelung gefunden werden. Als generelle Auflagen wurden eine Mädchenmannschaft im Spielbetrieb, eine zweite Damenmannschaft sowie die Her-absetzung der finanziellen Auflagen gefordert. Die zweite Variante sah vor, dass nach Beendigung der ersten DDR-Meisterschaft die vier bestplatzierten Mannschaften die Aufstiegsberechtigung für die Bundesliga erhalten sollten. Dabei wäre die Zuordnung der Vereinsmannschaft zur Nord- oder Südstaffel über die geografische Lage der Orte erfolgt.

Oktober und November 1990: die Entscheidung zur gesamtdeutschen Bundesliga
In Vorbereitung auf die außerordentliche Kommissionssitzung am 17. Oktober 1990 mit der DFB-Verantwortlichen Hannelore Ratzeburg gab es am 12. Oktober 1990 eine beratenden Sitzung mit den Anwesenden Margit Stoppa, Gerhard Breiter, Werner Lenz, Sabine Seidel und Kathrin Nicklas. Man einigte sich darauf, in den Verhandlungen zur Vereinigung des Frauenfußballs zwischen DFV und DFB einen Antrag auf Teilnahme von vier Vereinen in die zweigleisige Bundesliga ab der Saison 1991/92 zu stellen. Im DFB-Vereinspokal hatte der DFB im Spielausschuss Anfang Oktober bereits bestätigt, dass zehn Mannschaften aus dem Regionalverband Nord/Ost einen Platz im mit 48 Mannschaften besetzten Teilnehmerfeld erhalten würden. Acht Plätze gingen dabei an die Mannschaften aus der Oberliga und zwei an den Berliner Fußball-Verband. Ferner war dem Protokoll zu entnehmen, dass die Landesverbände die Anzahl ihrer Damenmannschaften ermitteln sollten. Aufgrund des Umbruchs der Sportstrukturen teilten zudem die Vereine Johannstadt (Dresden), Handwerk Magdeburg, Concordia Erfurt und Motor Halle mit, dass sie große finanzielle Schwierigkeiten hätten. Die finanziellen Defizite sollten über Zahlungen aus dem von den Lizenzvereinen zur Verfügung gestellten Fonds für den Damenfußball in Höhe von 500,- DM je Verein ausgeglichen werden. Als erfreuliche Nachricht gingen in diesem Protokoll die Einladungen für zwei Turniere aus Kanada und Australien an die Oberligavereine ein.

Bei der fünf Tage später stattfindenden Sitzung mit den DFB-Verantwortlichen und Mitgliedern der Spielkommission vom DFV sowie allen Kommissionsmitgliedern sollten sich die Vorstellungen der Kommission Damenfußball jedoch nicht erfüllen. Als einziger Tagesordnungspunkt ging es um die Entwicklung des Damenfußballs und die Gestaltung des Spielbetriebs ab dem Spieljahr 1991/92. Die Eingangsreferate hielten Hannelore Ratzeburg und Margit Stoppa. Der offizielle Bericht betonte zum Ende der DDR – 14 Tage nach der politischen Wiedervereinigung Deutschlands – den Einfluss des west-deutschen Damenfußballs auf die Entwicklung der ostdeutschen Fußballerinnen: die Entwicklung des Damenfußballs in der BRD, insbesondere der Gewinn der Europameisterschaft der BRD setzte positive Akzente für den Damenfußball in der ehemaligen DDR.

Als Vertreter der Oberligatrainer entwarf Bernd Schröder ein düsteres Bild vom Frauenfußball im DFV, sollte dieser nicht binnen kürzester Zeit angemessen eingliedert werden. Aus seiner Sicht bestanden damals kaum Leistungsunterschiede, wie Erfahrungen aus Freundschaftsspielen gegen Bundesligavereine gezeigt hatten. Auch Werner Lenz meldete sich mit der Aussage zu Wort, dass es an der Zeit sei, sich zusammenzufinden. Die DFB-Verantwortliche Hannelore Ratzeburg machte indes bei dieser Sitzung deutlich, dass zukünftige ostdeutsche Bundesligavereine folgende Bedingungen zu erfüllen hätten: So müssten sie eine zweite Damenmannschaft und eine Mädchenmannschaft im Spielbetrieb vorweisen. Die vorab überlegte Variante eins, eine dritte Bundesligastaffel einzuführen, lehnte Ratzeburg vollkommen ab. Mit Blick auf die zweite Variante schlug sie vor, je einen Aufsteiger in die Nord- und Südstaffel aufzunehmen. Zugleich lässt sich durch das Sitzungsprotokoll die in Zeitzeugeninterviews angesprochene Offensive Schröders bestätigen, der darauf drang, mindestens vier spielberechtigte ostdeutsche Mannschaften in der zukünftigen Bundesliga zu platzieren. Schröder war natürlich darum bemüht, seinen Turbinen den Bundesligastart zu ermöglichen. Ratzeburg gab jedoch unabhängig von der Entscheidung des DFB-Spielausschuss am 3. November 1990 schon zu diesem Zeitpunkt zu verstehen, dass vier Mannschaften als Aufsteiger in die Bundesliga unrealistisch seien.

Im Anschluss an diese Sitzung wurde die seit Mai bestehende Konzeption zur Entwicklung des Damen- und Mädchenfußballs in der DDR wieder aufgehoben. An dessen Stelle folgte eine neue Vorlage zu den Grundsätzen zur Gestaltung des Spielbetriebes im Damen- und Mädchenfußball des Regionalverbandes Nord/Ost im Spieljahr 1991/92. Der Vereinigung beider deutscher Fußballverbände vorgreifend, wurde bereits von einem Regionalverband gesprochen, der zum gegenwärtigen Informationsstand ab dem Spieljahr 1991/92 vier Vereinsmannschaften der Damenoberliga des DFV die Teilnahme an der Bundesliga ermöglichen wollte. Wichtig bei dieser Grundkonzeption war die Konzentration auf den Nachwuchsspielbetrieb der Mädchen auf Kleinfeld.

Bei der Sitzung des DFB-Spielausschusses am 3. November 1990 kam es schließlich zur inhaltlichen Bestimmung des vereinten Spielbetriebs in der zweigleisigen Bundesliga der Damen: Aufnahme von insgesamt zwei Vereinen der DFV-Damen-Oberliga in die Damen-Bundesliga, je ein Verein in die Gruppen Nord und Süd; dabei gedachte Trennung der DFV-Damen-Oberliga in einen Nord- (Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin) und einen Süd-Bereich (Sachsen, Thüringen). Aufnahme z. B. des Meisters der Oberliga und der bestplatzierten Mannschaft des anderen Bereichs, sofern sich diese Vereine bewerben und die Auflagen der DFB-Spielordnung erfüllen (über evtl. Modifikationen, insbesondere bzgl. der Forderung nach mindestens einer Mädchen-Mannschaft, soll im Spielausschuss später beraten werden. Die Teilnahme der DFV-Mannschaften an der Damen-Bundesliga wurde mit dieser Sitzung auf die Saison 1991/92 festgelegt und letztlich vom DFB-Beirat am 10. November 1990 bestätigt.

Mit der Aufnahme des Nordostdeutschen Fußballverbandes und der ihm angehörenden Landesverbände in den DFB am 21. November 1990 wurde offiziell der Beitritt des DDR-Frauenfußballs in die Weststrukturen vollzogen. Unter Federführung des DFB erhielten die Vereine mit Damenmannschaften die Bewerbungsunterlagen für die Aufnahme in die Damen-Bundesliga vom 30. November 1990. Dieses sechsseitige Papier mit neun Anlagen über die Richtlinien und Termine zur Bewerbung für die Bundesliga wäre in seiner Umsetzung im neuen NOFV schwierig gewesen: Obwohl der Damenfußball im Bereich des NOFV bereits auf mehr als 20 Jahre Existenz zurückblicken kann, stehen wir im Vergleich zu unseren westlichen Landes- und Regionalverbänden erst am Anfang einer breiten, systematischen Entwicklung vom Mädchen- bis zum Damenfußball.

Auch wenn sich die Beteiligten bemühten, die Erfahrungen und Wünsche der ehemaligen DFV-Seite im Einigungsprozess der beiden Fußballverbände mit einfließen zu lassen, vollzog sich letztlich eine Adaption des DDR-Frauenfußballs in die DFB- Strukturen. Bedingt durch eine weit stärker gefestigte Struktur im Westen und einem genauen Ziel innerhalb des DFB, wohin sich der Frauenfußball Anfang der 1990er Jahre sportlich entwickeln sollte, bestand wenig Spielraum für die davon abweichenden Hoffnungen der Vertreter der Kommission Damenfußball aus der scheidenden DDR. Der Frauenfußball folgte also der staatlichen Einheit nach.