Sportliche Ziele Möglichkeiten und Realität – Damen-Nationalmannschaft der DDR
Die Auswahltrainer Dietmar Männel und Bernd Schröder nominierten zunächst 26 Spielerinnen für den ersten Lehrgang, der vom 21. bis 22. Oktober 1989 in der Sportschule Leipzig stattfand. Letztendlich nahmen daran 21 Spielerinnen teil, darunter auch Doreen Meier aus Jena, die bei der HSG Universität unter Hugo Weschenfelder spielte. Für Meier war es der bis dato größte Moment in ihrer jungen Fußballerinnenkarriere, für die Auswahl nominiert zu sein: Ich war damals im Ferienlager als Betreuerin und bekam einen Anruf. Die Petra Weschenfelder, dass war die Frau vom Hugo, die sagte, du es gibt eine Nationalmannschaft und wir sind dabei. Was? Natürlich voll die Panik. Das ist dann auch ein Stück wahrgenommen worden. Da gab es auch ein bisschen Trubel vorm ersten Lehrgang. Bernd Schröder war damals schon für uns so eine Ikone und ja und da kam ich dann da hin und du wusstest: Die Männernationalmannschaft ist gerade abgereist. Thom und Doll, Rosenberger und Kunstrasenhalle und zieht euch nicht kurze Hosen an und ZDF-Torwand. Das war schon eine wirklich andere Welt.

Gerhard Breiter begleitete als Mannschaftsleiter dieses erste Zusammentreffen der sogenannten DFV-Frauenauswahl. Das erste Treffen in Leipzig fand genau zwei Wochen nach den dortigen Bürgerprotesten statt, bei denen 70.000 Menschen für eine friedliche Revolution demonstriert hatten. Die Zeitzeuginnen erwähnten diese Vorkommnisse nur am Rande. Die Gründung der DDR-Damen-Nationalmannschaft fiel weitgehend mit der Umbruchphase des politischen Systems zusammen. Der DDR- Sport zeigte sich im Oktober 1989 noch unbeeindruckt und reagierte zögerlich auf die friedliche Revolution.

Der Lehrgang verlangte von den Fußballerinnen körperliche und mentale Höchstleistung, verglichen mit dem, was sie bis dahin in ihren Betriebssportgemeinschaften umgesetzt hatten. Auf zwei Tage verteilt, wurde ein spezielles Lauf- und Sprinttraining absolviert. Technik und Material vor Ort, die beim Lehrgang genutzt wurden, hatten den Spielerinnen vorher nicht zur Verfügung gestanden. Beispielsweise nutzten die Trainer das Lichtschrankensystem, um die Schnelligkeit der Spielerinnen beim Sprint über zehn, 30 und 50 Meter zu messen: Dann gab es da so eine Torkanone. Da kamen die Flanken wie am Lineal gezogen. Und da musste man versuchen, dort mal ins Tor zu treffen. Es war schon ganz interessant. Aber es war nicht sehr oft. Wir hatten ja nur das eine Länderspiel.

Das Trainingslager wurde selbstverständlich von den Medien begleitet. Vor allem ein elfminütiger Beitrag der damaligen Sportreporterin Maybritt Illner in der Sendung Sportspezial vom 1. November 1989 bedeutete den Höhepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung des DDR-Frauenfußballs. Sollten Teile der Bevölkerung vom Frauenfußball bislang nichts gewusst haben, wurde mit diesem Beitrag offensiv dagegen vorgegangen. In einem Mix aus Umfrage und Reportage führte Illner die Zuschauer in die Geheimnisse der Fußballerinnen und in die Auswahlpraxis der Trainer ein. Neben einem Blick in den Lebenslauf einer Frauenfußballerin gelang es Illner, die Zukunftsträchtigkeit des DDR-Frauenfußballs hervorzuheben, indem sie u.a. Auswahltrainer Bernd Schröder wie folgt zu Wort kommen ließ: Gerade für die Ebene des Frauenfußballs hoffen wir natürlich, dass der Trend, der in Europa nach der Europameisterschaft im Frauenfußball, die ja in diesem Jahr gelaufen ist, auch bei uns hoch zeigt, und dass wir eine Staffel haben werden, eine Oberliga mit zwei Unterbaustaffeln, die uns leistungsmäßig vorantreiben kann. Alles andere ist nicht so gut, meiner Ansicht nach, für die Entwicklung.

Die politischen Entwicklungen waren wohl auch der Grund dafür, dass Illner die indirekte Anspielung auf den Erfolg der westdeutschen Nationalmannschaft Schröders in diesem Beitrag ohne Probleme veröffentlichen konnte. Auch die Strukturen für den Frauenfußball gestalteten sich immer offener. Jedoch hielt der Beitrag am Ende fest, dass die Entscheidung über eine DDR-Frauennationalmannschaft erst auf dem Fußballverbandstag im Mai 1990 entschieden würde. Dies geschah dann aber schon im Frühjahr des darauffolgenden Jahres.

Am 11. Januar 1990 erhielten alle Spielerinnen, die in die engere Auswahl der Nationalmannschaft gehörten, eine Einladung mit folgendem Wortlaut: Werte Sportfreundin! In Vorbereitung auf das 1. Länderspiel der DFV-Damen-Nationalmannschaft gegen die CSFR in Babelsberg trifft sich die Damenauswahl des DFV der DDR am 7.5.1990 in Babelsberg.

Diese Einladung kam knapp zwei Monate, nachdem am 9. November 1989 die innerdeutschen Grenzen geöffnet worden waren. Mit dem gleichen Datum bekamen die Auswahlspielerinnen außerdem eine Einladung für ein Übungsspiel auf West-Berliner Terrain. Das jahrelange Verbot deutsch-deutscher Frauenfußballvergleiche war bereits seit dem 17. November 1989 offiziell aufgehoben: Werte Sportfreundin! In Vorbereitung auf das Übungsspiel gegen eine Landesauswahl in Berlin/West trifft sich die Frauenauswahl des DFV der DDR am 17.4.1990 in Berlin-Grünau – Sportschule.

Die DFV-Frauenmannschaft gewann einen Monat nach den ersten freien Wahlen in der DDR mit 6:3 gegen die West-Berliner Auswahl. Neben der Medienaufmerksamkeit erhielt die Auswahl auch auf Verbandsebene durch die AG Damenfußball im März weiter Rückenwind. Im Bericht der AG Damenfußball zur Entwicklung des Damen- und Mädchenfußballs in der DDR wurde erstmalig implizit die Förderung und Einrichtung einer Damen-Auswahlmannschaft angesprochen: Der begonnene Weg zur Formierung einer Damen-Auswahlmannschaft der DDR ist konsequent fortzusetzen. In die Auswahl werden bis zu 25 Spielerinnen als Kandidaten berufen. Die Kandidatinen werden durch die Gemeinschaften vorgeschlagen und durch für die Aus-wahl verantwortlichen Übungsleiter/Trainer ausgewählt. Nach Bestätigung durch die Kommission Damenfußball beruft der Vorstand/das Präsidium die Auswahlspielerinnen. Gemeinschaftswechsel von Auswahlspielerinnen des DFV bedürfen einer vorherigen Zustimmung der Kommission Damenfußball. Zur Sicherung und Überprüfung der Auswahlkader werden unabhängig von Länderspielvorbereitungen jährlich 2-3 Lehrgänge durchgeführt. Für 1990 werden 3 internationale Spiele (Mai, Oktober, November) vorgesehen.


Das erste Übungsspiel der DFV-Auswahl im nichtsozialistischen Währungsgebiet am 18. März 1990, dem Tag der ersten freien Wahlen in der DDR, bei Hertha Zehlendorf gegen eine Auswahl des Berliner

Fußball-Verbandes. Die DFV-Auswahl gewann 6:3.
Die DFV-Funktionäre gingen also Anfang März 1990 – wie viele – noch von einem Fortbestehen der DDR aus. Seit den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 wiesen jedoch die Zeichen in Richtung Einheit. Auch der DFV hatte am 31. März 1990 einen neuen Präsidenten gewählt, der als Ziel die Vereinigung mit dem DFB vorgab. Trotzdem ging es den Verantwortlichen für den Frauenfußball im DFV weiter darum, ihren Traum von einer eigenen Auswahlelf zu realisieren. Dass sie damit einen Verband nun auch im Frauenfußball auf die internationale Bühne hoben, dessen Lebenszeit vom eigenen Präsidenten bereits infrage gestellt wurde, war ihnen wohl nicht bewusst. Margit Stoppa sorgte für die Festsetzung der Strukturen der DFV-Damen-Auswahlmannschaft. Schon frühzeitig traf sie dafür mit Hannelore Kloninger aus West-Berlin und Hannelore Ratzeburg aus Hamburg zusammen. Beide westdeutschen Frauenfußballfunktionärinnen besaßen schon jahrelange Erfahrung im Damenfußball.

Die einen Monat später folgende erste Sitzung der Kommission Damenfußball beschloss die Berufung der Nationalmannschaft der Damen und ihr erstes Länderspiel. Dies hatte bereits die Einladung vom Januar 1990 durch den DFV-Generalsekretär Klaus Petersdorf bestätigt. Außerdem wurde ein weiteres Testspiel gegen eine Berliner Auswahl im Sportforum Hohenschönhausen für den 30. April 1990 angesetzt und der letzte Lehrgang vor dem Länderspiel am 9. Mai 1990 gegen die CSFR in Lindow. Kaum weniger bemerkenswert war folgende abschließende Feststellung: Die Kommission bestätigte den Antrag der Auswahltrainer, einen Diagnostiklehrgang von 5 Tagen im Zentralinstitut Kreischa durchzuführen, vorgesehener Termin: 18.-22.06.1990.

Diagnostiklehrgänge waren in den Jahren davor dem Leistungssport Vorbehalten geblieben. Im Zeitraum des sportpolitischen Umbruches wurden sie nun sogar für die DDR-Damen-Nationalmannschaft möglich.

Rückblickend kam für den Co-Trainer Dietmar Männel die Episode DDR-Nationalmannschaft zu spät. Infolge der Grenzöffnung waren einige Spielerinnen schon im Frühjahr 1990 zu Westvereinen gewechselt. Männel und Schröder versuchten, so gut es ging, die verbliebenen Spielerinnen auf das Länderspiel gegen die Tschechinnen einzustellen.